Congress theme: “Open access to knowledge - promoting sustainable progress”

Eröffnungsrede Ellen R. Tise (IFLA-Präsidentin)

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76. IFLA WLIC Göteborg, Schweden

Eröffnungsrede

Ellen R. Tise (IFLA-Präsidentin)

Sehr geehrter Gouverneur, sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, verehrte Gäste, Mitglieder der IFLA-Vorstands, Mitglieder des Nationalkomitees für den Weltkongress Bibliothek und Information 2010, Präsidenten und Präsidentinnen der Bibliotheksverbände, Direktoren und Direktorinnen von Nationalbibliotheken und –institutionen, Mitglieder, Delegierte und Freunde von IFLA. Ich freue mich sehr, Sie alle hier in Göteborg zum Weltkongress Bibliothek und Information: IFLAs 76. Generalkonferenz und Versammlungbegrüßen zu dürfen. 

In Schweden gibt es eine lange IFLA-Tradition. Bereits unter den Gründungsmitgliedern der IFLA, die sich 1927 in Edinburgh zusammenfanden, befanden sich mehrere schwedische Kollegen. Der erste IFLA-Präsident (von 1927 bis 1931) war der

Schwede Isak Collijn. Collijn war zu diesem Zeitpunkt Direktor der Königlichen Bibliothek in Stockholm. Die IFLA hat bisher drei Konferenzen in Schweden abgehalten: 1930 in Stockholm, 1960 in Lund und Malmö, und 1990 wiederum in Stockholm. Die letztere trug das Motto “Bibliotheken: Informationen für Wissen“, welches dem Motto meiner Präsidentschaft 20 Jahre später sehr ähnelt! 2010 findet zum vierten Mal eine IFLA-Konferenz in Schweden statt – eine Auszeichnung, die bislang kein anderes Land erreicht hat.

Schwedens Bindung an IFLA hat eine lange Tradition. Schwedische Institutionen und Organisationen unterstützen internationale Bibliotheksarbeit seit langer Zeit auf vielfältige Weise. Man braucht nur an die schwedische Hilfsorganisation SIDA zu denken, die viele großzügige Stipendien ausgeschrieben und über 20 Jahre das IFLA/ALP-Büro in der Universität Uppsala beherbergt hat, um die enge Beziehung zwischen Schweden und IFLA zu verstehen. Dank des ALP-Programms sind SIDA und Schweden in vielen Entwicklungsländern auf der Welt präsent. So leistet SIDA einen beachtlichen Beitrag zur Förderung des Bibliothekswesens in Entwicklungsländern.

Vor dem Hintergrund dieser langen gemeinsamen Geschichte von Schweden und der IFLA hat es uns nicht überrascht, dass Schweden trotz der relativ knappen Vorlaufzeit in der Lage war, diesen Kongress auszurichten. Ich möchte daher dem schwedischen Nationalkomittee meinen aufrichtigen Dank dafür aussprechen, dass sie es geschafft haben, die Organisation für diese Versammlung in Rekordzeit auf die Beine zu stellen. Ich bin sicher, Sie alle möchten ebenfalls gern unseren schwedischen Kollegen für die Arbeit, die sie für IFLA und für uns alle geleistet haben, Ihre Anerkennung ausdrücken.

Die kurzfristige Verlagerung des Veranstaltungsortes nach Göteborg konfrontierte das Nationalkomitee und die Bibliothekscommunity in Schweden mit enormen Herausforderungen. Ich möchte daher ihre tapferen Anstrengungen und die außergewöhnliche harte Arbeit, die sie geleistet haben, um diesen IFLA-Kongress in so kurzer Zeit zu organisieren, ausdrücklich anerkennen. Sie haben alles Menschenmögliche getan, um sicherzustellen, dass dieser Kongress ein Erfolg wird.

Das Nationalkomitee hat sich entschieden, das Motto meiner Präsidentschaft – Bibliotheken fördern den Zugang zum Wissen – durch die Wahl des Mottos für diesen Kongress – Freier Zugang zum Wissen: Nachhaltigen Fortschritt fördern – mit Energie zu füllen und zu unterstützen. Diese Wahl wurde mit der Ansicht begründet, dass „Zugang zum Wissen die Welt der Vorstellungskraft und Kreativität eröffnet, wodurch Fortschritt für das einzelne Individuum zu Fortschritt für die ganze Gesellschaft wird“. Ich fühle mich geehrt und bin begeistert von dieser Wahl; nicht nur, weil sie vom Motto meiner Präsidentschaft inspiriert ist oder weil sie gleichberechtigten Zugang zu Informationen, sondern vor allem, weil ich fest daran glaube, dass Wissen ein entscheidender Faktor in allen Lebensbereichen ist. Um zu wiederholen, was ich schon in Mailand gesagt habe: „Ohne Wissen nützen alle Anstrengungen nichts. Ohne solides, akkurates und zuverlässiges Wissen können unsere Entscheidungen und Handlungen für lange Zeit sehr desaströse Konsequenzen haben. Wissen ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Des Weiteren ist Zugang zu Wissen entscheidend für ebenbürtiges Wachstum aller Gemeinden, Gesellschaften, Kulturen und Nationen. Bibliotheken als essentielle Informationsversorger spielen eine wichtige Rolle in der Erzeugung neuen Wissens. Als bedeutende Informationsquelle bedienen Bibliotheken ein breites Spektrum an Informationssuchenden, welche nicht nur entscheidend, sondern geradezu zentral in der Förderung von Wissensgeneration sind. Ebenbürtiger Zugang zu Wissen sorgt für die Sicherstellung der Stabilität von Nationen und des Weltfriedens.

Zugang zum Wissen ist jedoch nicht frei von Abhängigkeiten. Um Jan Hoithues zu paraphrasieren: Durch Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks sind Bücher und gedruckte Medien zum Kern von Information und Informationsübertragung geworden. Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, war und ist der Schlüssel zu Macht und Ermächtigung. Die Fähigkeit, das gedruckte Wort zu produzieren und zu bewahren, ist daher ein Schlüsselattribut von Macht und Ermächtigung. In der heutigen Welt kann das gedruckte Wort jedoch nicht mehr für bare Münze genommen werden. Die Fähigkeit, die Wahrhaftigkeit des gedruckten Worts zu erkennen, ist zu einer Kernfähigkeit geworden. Von der bloßen Lese- und Schreibfähigkeit haben sich unsere Fähigkeiten dahingehend gewandelt, unterscheiden zu können zwischen dem Schund, der sich in einigen der weit verbreiteten elektronischen Ressourcen findet, und denjenigen Ressourcen, die seriöse Information bieten – letztere sind leider in der heutigen Welt oft nicht kostenlos und daher nicht universell verfügbar. Wir müssen daher verschiedene Informationskompetenzen entwickeln, um in der heutigen Welt zu überleben. Die Kommerzialisierung von Information ist eine der wesentlichen Herausforderungen für Bibliotheken, wenn diese Zugang zum Wissen bieten wollen. Ich werde gleich nochmal auf die wirtschaftlichen Aspekte von Information zurückkommen.

Hoithues bringt noch ein anderes Thema zur Sprache: die Veränderung der Materialität von Texten. In der heutigen Welt ist Information nicht länger beschränkt auf das gedruckte Wort. Information im Ganzen wird zusehends audiovisuell. Bilder, Farben, Klang und Bewegung sind heutzutage akzeptierte und erwartete Bestandteile von Informationserstellung, -transfer und      -präsentation. Man versuche nur einmal, sich eine Website ohne Farbe, Bewegung, Klänge oder Bilder vorzustellen, um festzustellen, wie sehr diese Dinge schon unterschwellige Bestandteile des Zugangs zu Information und damit auch des Zugangs zu Wissen geworden sind. Zugang zum Wissen auf Konferenzen wie dieser ist nicht mehr nur darauf beschränkt, Stichpunkte von einem Blatt Papier abzulesen. Wir haben uns vielmehr an High-Tech PowerPoint-Präsentationen gewöhnt, welche Klang, Bewegung, Farben und Bilder beinhalten.

Dies alles zeigt, dass Erzeugung von und Zugang zu Wissen von der Existenz von Technologie, deren Nutzung und einem immer größer werdenden Drang zu neuen technologischen Entwicklungen abhängen, welche Wissen breiter, auf Abfrage, unabhängig von Zeit und Raum verfügbar machen. Dies hat jedoch wiederum zur Folge, dass nun dem Wissen ein wirtschaftlicher Wert zugeschrieben wird. Zugang zu Wissen wird mehr und mehr assoziiert mit Gebühren für die Nutzung von Datenbanken, Lizenzzahlungen für die Weiterverwendung von Bildern und Tantiemen für die Verwendung von Soundbites oder ganzen Musikstücken. Zugang zu Wissen bedeutet zusehends das Zahlen von Gebühren für diesen Zugang. Während man das Recht der Verlage, kostendeckend zu arbeiten, sicher nicht in Frage stellen kann, so ist doch klar, dass die Forderung nach Gebühren eine weitere Hürde für den Zugang zu Wissen darstellt, welche es zu überwinden gilt. Wissen ist an und für sich ein extrem wertvolles Gut: einige sind der Ansicht, dass Wissen wertvoller als Gold, Diamanten und Platin ist. Wissen ist hinsichtlich seines wirtschaftlichen Wertes quantifizierbar geworden. Wissen ist das einzige Gut, welches durch Nutzung wertvoller wird – es gibt keine rückläufigen Erträge, wenn Wissen genutzt wird. Im Gegenteil: Wenn Wissen genutzt wird, führt dies oft zur Generierung von neuem Wissen, was den inhärenten Wert dieses Gutes erhöht. Wissen und Zugang zu Wissen tragen zur Entwicklung und Erweiterung von Demokratie und nachhaltiger Entwicklung bei; zugunsten unserer natürlichen Ressourcen und zugunsten der Gleichberechtigung von Menschen.

Bibliotheken und Bibliothekare spielen bei der Bereitstellung von Zugängen zu Wissen wichtige und vielfältige Rollen. Unsere Verantwortlichkeiten sowie unsere Fähigkeit, diesen Zugang bereitzustellen, sind, je nachdem, wo in der Welt wir uns befinden, sehr unterschiedlich; aber zusammen sind wir in unseren jeweiligen Ländern ein Teil der Kulturtragenden und dienen als wichtige Wissenszugangspunkte. Wir erhalten Wissen dadurch, dass wir Wissensressourcen aufbewahren. Durch Technologie können wir dieses Wissen für die jetzige und nachfolgende Generationen verfügbar machen. Bibliotheken und Bibliothekare spielen in diesen Entwicklungen eine wichtige Rolle und werden so zu Hauptverantwortlichen für die Erschaffung und den Erhalt der Informationsgesellschaft. Wir verbreiten Informationen und machen sie einfach zugänglich, wodurch wir zu gesellschaftlicher und individueller Entwicklung beitragen. Diese Rolle kommt im Motto dieses Kongresses Freier Zugang zum Wissen – Nachhaltigen Fortschritt fördern voll und ganz zum Ausdruck.

Zum Abschluss: Unser 76. Kongress wird der Ausgangspunkt für viele professionelle und persönliche Erfahrungen sein. Das Nationalkomitees, der Vorstand, und ich als Präsidentin wünschen uns, dass dieser Kongress Ihnen guten fachlichen Austausch ermöglicht und Ihre Hingabe an unsere Profession auffrischt. Einige Sprecher werden darüber reden, wie Information, Bildung und Wissen zur Entwicklung vieler Lebensbereiche beitragen können. Außerdem wird es Präsentationen, Demonstrationen und Ausstellungen von Einzelpersonen und Gruppen zu vielen neuen Entwicklungen und Berichte über laufende Projekte geben.

Wir hoffen, dass Ihr Aufenthalt in Göteborg und Schweden Ihnen positive Erlebnisse von Hingabe, Offenheit und kultureller Affinität mit Göteborg und Schweden bringt. In einer Stadt dieser Größe gibt es vielfältige Möglichkeiten zur Begegnung. Unser Kultur- und Unterhaltungsprogramm ist mit dem derzeit in der Stadt stattfindenden Kulturfestival verknüpft. Es wird eine Reihe kultureller Aktivitäten in Göteborg geben, die für uns alle frei zugänglich sind, und wir werden Sie auf bestimmte Highlights des Programms aufmerksam machen. Sie werden die Möglichkeit haben, Kollegen aus der ganzen Welt zu treffen – bei den Sitzungen, beim Kaffee, beim Abendessen oder in einem der Night Spots.

Wir freuen uns auf eine gute Konferenz, eine gute Atmosphäre, gute fachliche Erlebnisse und Entwicklungen, die Entstehung neuer Netzwerke und die Erneuerung alter Freundschaften. Willkommen in Göteborg, einer offenen, leicht erreichbaren Stadt, willkommen in Schweden, in der Wissens- und Nachhaltigkeitsgesellschaft und willkommen zum Weltkongress Bibliothek und Information 2010!

Es bereitet mir große Freude, hiermit IFLAs 76. Generalkonferenz und Versammlung für eröffnet zu erklären.

Göteborg, August 2010