Congress theme: “Open access to knowledge - promoting sustainable progress”

Bibliotheken wiederaufbauen bedeutet, die Menschen in Haiti wiederaufzubauen

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Jeder erinnert sich an das schreckliche Erdbeben am 12. Januar 2010 in Haiti. Als Geste der Anerkennung für die haitianische Bibliothekscommunity möchte der IFLA Express besonders auf zwei Repräsentanten der haitianischen Bibliothekscommunity hinweisen: Françoise Thybulle – Direktorin der National Library of Haiti und Elisabeth Pierre-Louis – Direktorin von FOKAL.

Beide werden am Freitag, dem 13. August an der Sitzung von 13:45 Uhr bis 15:45 Uhr teilnehmen und uns über die momentane Lage in Haiti auf den neuesten Stand bringen.

Die haitianische Bibliothekslandschaft ist ursprünglich eine Mischung aus verschiedenen Netzwerken. Dieser Tage, nach dem Erdbeben, existieren Universitäts- und Privatbibliotheken sowie Gemeindebibliotheken und Bibliotheken mit wichtigem Kulturgut lose nebeneinander und versuchen, besser zusammenzuarbeiten.

Die haitianische Nationalbibliothek und das kulturelle Erbe in Bibliotheken

Von den drei wichtigsten Bibliotheken mit kulturellem Erbe wurde eine komplett zerstört, eine andere muss dringend wiederaufgebaut werden, und die Nationalbibliothek (die nicht so schlimm zerstört wurde wie die beiden anderen) wird bald wiedereröffnen. Die Sammlungen der Nationalbibliothek zu Sklaverei, politischer Unabhängigkeit, Kolonialisierung, „Negritude“ und Literatur sind besonders wertvoll und sollten unbedingt für die Nachwelt bewahrt werden.

Die Sammlungen dieser Bibliotheken konnten dank eines Teams aus 37 haitianischen Bibliothekaren gerettet werden, die, lediglich mit Sicherheitshelmen ausgerüstet, Bücher, Archivalien und Akten einzeln mit den Händen unter dem Schutt hervorzogen. All dieses Material wurde dann sicher in Kartons in der Nationalbibliothek verstaut. Gleiches geschah auch für private Bibliotheken und für wertvolle private Sammlungen. Auch wurde ein UNESCO-Programm auf den Weg gebracht, das sich mit der Rettung von vier wichtigen Sammlungen in Universitätsbibliotheken befasste.

FOKAL und die Gemeindebibliotheken

FOKAL unterstützt die Gemeindebibliotheken, die für Haitianer den wichtigsten Zugang zu Kultur darstellen. Zwölf der sechzehn Gemeindebibliotheken wurden  schwer beschädigt, aus acht wurden Bestände entwendet. Neben dem Wiederaufbau und der Erhaltung der ursprünglichen Gemeindebibliotheken hat sich FOKAL auch den Neuaufbau eines Fahrbibliotheksprogramms zum Ziel gesetzt. Um dies erfolgreich in die Tat umsetzen zu können, wird ein physischer Ort benötigt, an dem die praktische Organisation vonstatten gehen kann. Wenn dies geschafft ist, möchte sich FOKAL einem Programm widmen, welches die Menschen in den wiederaufgebauten oder neu gegründeten Bibliotheken willkommen heißt.

Die Direction nationale du Livre

Das Kulturministerium in Haiti hat eine Abteilung namens Direction nationale du Livre, deren Hauptaufgabe die Förderung von Lesekompetenz ist. Es setzt sich unter anderem in Schulen ein und hat ein System von Buchlieferservice für 50 Menschen entwickelt. Dieses System soll die Verbreitung von Büchern unter den Haitianern verbessern.

Wichtige Bedürfnisse

Die Bedürfnisse und Forderungen von Schülern und Studierenden sind besonders wichtig. Trotz des Erdbebens hat die Regierung die Klausur- und Examensperiode nicht verschoben – frei nach dem Motto “das Leben geht weiter”. Viele Schüler und Studierende leben in den Flüchtlingscamps in Port au Prince und haben keinerlei Arbeitsmaterialien: keine Tische, keine Stühle, keinen Internetzugang. Um sie zu unterstützen, stellte die Nationalbibliothek Campingtische bereit, aber das ist noch lange nicht genug. Was fehlt, sind Lernmaterialien. Die Gemeindebibliotheken konnten jedoch bislang nicht öffnen, da das Einsturzrisiko der Gebäude zu groß war. Es besteht ein dringendes Bedürfnis nach einem neuen kulturellen Zentrum, nach neuen Bibliotheken

Ein anderer Weg, auf dem Bibliotheken auf die kulturellen Bedürfnisse der Menschen in den Flüchtlingscamps reagieren, sind Kulturprogramme. Enthusiastische Bibliothekare haben in den lokalen Communities Kulturprogramme ins Leben gerufen, die besonders bei Kindern ein großer Erfolg sind. Eine der Ideen dahinter ist auch, die Menschen aus den Flüchtlingscamps herauszuholen. Bibliotheken können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Zugang zu Wissen und die Bedeutung von Büchern und Lesen

Zugang zu Wissen in Kombination mit dem traditionellen starken Bedürfnis nach Büchern ist eine starke Antriebskraft für die Zukunft der Haitianer. In Haiti bedeuten Bücher und Bildung einen Ausweg aus der Armut. Aufgrund dessen sind Wissen und Bücher eng mit der basisdemokratischen Mentalität der Menschen in Haiti verknüpft.

Zugang zu Wissen ist ein kritisches Thema. Vor dem Erdbeben gab es in Haiti 20 öffentliche Bibliotheken. Das Erdbeben zerstörte vier dieser Bibliotheken. Ein weiterer Punkt ist die Verbreitung von Wissen innerhalb der Gesellschaft. Da es keine öffentlichen Schulen gibt, existiert insbesondere in ländlichen Gegenden eine starke Ungleichheit der Geschlechter.

Kulturvermittlung durch Bibliotheken: Hoffnung für die Zukunft

Trotz der Tatsache, dass ca. 40% der Bevölkerung Analphabeten sind, sind die Menschen in Haiti sich ihrer glorreichen Vergangenheit und ihres kulturellen Reichtums sehr bewusst.

Die Unterstützung durch die internationale Bibliothekscommunity und insbesondere IFLA wurde im Land sehr begrüßt. In den ersten Tagen nach dem Desaster waren Telefonate und Emails Ausdruck fachlicher Solidarität, welche die Bibliothekare in Haiti ermutigt hat, nicht aufzugeben.

Die wichtige Rolle, die IFLA durch verschiedene Programme und permanente Betreuung gespielt hat, bezeugt anschaulich die Effekte internationaler Solidarität und zeigte den haitianischen Kollegen, dass sie nicht alleine sind.

Nichtsdestoweniger sind acht Monate nach dem Unglück die Schäden noch immer immens. Die Bibliothekscommunity in Haiti benötigt weiterhin die volle Unterstützung ihrer internationalen Kollegen. Mit Unterstützung der karibischen Bibliothekscommunity sowie der internationalen Bibliothekscommunity, welche IFLA repräsentiert, wird Haiti den Wiederaufbau der Bibliotheken und die Wissensverbreitung weiterbetreiben können.

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es in Haiti lediglich zehn ausgebildete Bibliothekare und 100 Bibliotheksangestellte bei einer Bevölkerung von 9 Millionen. Mit ihrer Energie und Leidenschaft sowie den mithilfe von IFLA organisierten Weiterbildungsprogrammen kann die Situation wesentlich verbessert werden.

Um es mit den Worten von Françoise Thybulle zu sagen: „Die Herausforderung für uns ist es, den Menschen zu zeigen, dass das Leben weitergeht. Bibliotheken wiederaufbauen bedeutet, die Menschen in Haiti wiederaufzubauen. Und um dies möglich zu machen, brauchen wir Sie!“